Ein Erlebnis der besonderen Art: Reise nach Boston mit dem Bundespräsidenten

Seit meinen ersten Austauscherlebnissen aus der Schule ab der siebten Klasse habe ich gemerkt, wie sehr mich andere Kulturen interessieren.

Nachdem ich schließlich durch das PPP-Stipendium des Deutschen Bundestages die Möglichkeit bekam, für ein Jahr in die USA zu gehen, bekam ich erst recht Lust, mich im Ausland aufzuhalten und mich nicht nur mit der Kultur, sondern auch mit der Politik in den verschiedenen Ländern zu beschäftigen. Nicht nur bekam ich durch das Jahr den Wunsch, zukünftig beim Auswärtigen Amt zu arbeiten, es eröffneten sich mir auch sehr viele neue Möglichkeiten, wie zum Beispiel zu guter Letzt die Möglichkeit, den Bundespräsidenten Herrn Steinmeier und seine Frau Büdenbender anlässlich des Deutschlandjahres nach Boston zu begleiten.

Die Nachricht kam sehr überraschend. Danach ging alles relativ schnell, vom Visa-beantragen bis hin zum Klären letzter Fragen und Kofferpacken. Mit drei weiteren Jugendlichen (2 PPP junge Berufstätige, 1 “Azubi USA”) und der ganzen Delegation ging es dann am Mittwoch, den 30.10. um 17 Uhr in Berlin los. Schon im Flugzeug bekamen wir in einem kurzen Gespräch eine erste Möglichkeit, Herrn Steinmeier und seine Frau sowie die restliche Delegation kennenzulernen. Trotz der ganzen Aufregung waren wir dennoch froh, als wir dann um 24 Uhr schließlich in Boston angekommen und schnell im Hotel waren, um uns schlafen zu legen, denn die Tage waren strukturiert durchgeplant. Die erste Debatte startete am nächsten Tag um 8:15 Uhr – das Thema: “Polarisierung und Populismus – Herausforderungen auf beiden Seiten des Atlantiks”. Es war sehr interessant, den verschiedenen Ausführungen der Experten zuzuhören, da sie viele Seiten des Problems beleuchteten, die einem vielleicht noch gar nicht so bewusst waren.

Laut Herrn Steinmeier rücke die wirtschaftliche Unzufriedenheit immer mehr in den Hintergrund und der eigentliche Grund dieser Polarisierung sei eine kulturelle und soziale Spaltung. Deswegen sei diese Reise nach Boston und generell das Deutschlandsjahr sehr wichtig, um kulturell die Beziehungen zwischen den beiden Ländern wieder zu stärken.
Dem stimme ich persönlich sehr zu, weshalb ich es auch wichtig finde, dass das PPP sowie weitere Austauschprogramme bestehen bleiben, um ein Bewusstsein für andere Länder zu bekommen.

Deshalb hatten wir während des Trips überwiegend ein kulturelles Programm, wie z.B. die Wiedereröffnung des ältesten Goethe-Instituts in Amerika, sowie ein Konzert, bei dem das Boston Symphony Orchestra und das Gewandhausorchester Leipzig gemeinsam auftraten und damit die deutsch-amerikanische Freundschaft unterstrichen. Beide Programmpunkte waren sehr neu für mich und ich denke, genau deshalb war es so spannend, dies alles mitzuerleben. Des Weiteren besuchten wir das ehemalige Haus von Walter Gropius, dem Gründer des Bauhaus, die Firma Millipore und Lexington Green, den Platz an dem die ersten Schüsse zwischen Briten und Unabhängigkeitskämpfern fielen.

Weitere Programmpunkte waren eine Debatte an der Harvard Universität über die Ethik der Digitalisierung. Dieser Diskussion hätte ich noch stundenlang zuhören können. Es ging um Algorithmen und Künstliche Intelligenz (KI) und inwiefern man sie in Berufen, wie zum Beispiel beim Kriminalamt oder bei der Gesundheitsvorsorge, miteinbeziehen kann. Die Frage wurde gestellt, wie ein Algorithmus über einen Straffälligen anhand eines Fragebogens feststellen könne, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass dieser Straffällige ein weiteres Verbrechen begehen könnte. Des Weiteren sei die KI hilfreich für die Gesundheitsvorsorge, jedoch brauche man dafür relativ viele und persönliche Daten. Außerdem bestehe immer wieder die Gefahr, dass Unternehmen diese Daten für ihren Profit ausnutzen.

Wichtig sei, dass die gesellschaftlichen Werte bestehen bleiben und nicht nur Profitdenken herrsche. Hier setzten sich die Debattierenden damit auseinander, ob die bestehenden Normen und Werte ausreichten und inwiefern Ethik gesetzlich festgelegt werden könne.

Ich würde behaupten, dass die Debatten über Polarisierung und die Ethik der Digitalisierung am spannendsten waren. Ich finde gut, dass darüber gesprochen wird, denn dies sind Themen, die heutzutage beide Länder gleichermaßen betreffen, sowie jeden einzelnen Bürger.

Sehr aufschlussreich war natürlich das Gespräch mit Frau Büdenbender und jugendlichen Vertretern des YLC Boston. Das Konzept von „Youth Lead the Change“ ist, dass die Stadt Boston den Jugendlichen jedes Jahr eine Million US Dollar zu Verfügung stellt, damit diese etwas verbessern, was die Jugend möchte. Hierbei werden zu allererst in ganz Boston Ideen gesammelt und an YLC weitergeleitet. YLC bildet verschiedene Komitees (Umwelt, Freizeit,…), die sich dann mit der Machbarkeit, Finanzierung und Nachhaltigkeit etc. dieser Ideen beschäftigen. Schließlich werden 5-10 Ideen zur Abstimmung veröffentlicht. Die Jugendlichen können in ihren Schulen abstimmen, per Brief oder Internet. Projekte, die durchgeführt wurden, sind z. B. mehr Wasserspender in der Stadt, Basketballplätze,… Die Motivation von YLC ist, dass Jugendliche, die dort wählen, auch motiviert werden, später auch an den tatsächlichen Wahlen teilzunehmen, weil sie das Gefühl bekommen, dass ihre Stimme zählt und etwas getan wird. Des Weiteren kristallisiert sich heraus, dass zwar eine Spaltung zwischen Republikanern und Demokraten besteht, diese aber über konkreten Themen in den Hintergrund rückt; somit rücken beide Parteien zusammen. Schönes Zitat von einer der Jugendlichen: Bei dem Projekt für mehr Mülleimer gibt es wenig, worüber man streiten kann, ob ja oder nein und Sonstiges. Da geht es eben um die Frage WIE (man es am besten/effizientesten macht) und WELCHEN WEG man geht.

Frau Büdenbender war Feuer und Flamme für die Themen und auch wir haben danach überlegt, wie man sie am besten in Deutschland umsetzen könnte. Momentan arbeiten wir an einem Konzept. Auch Frau Büdenbender möchte uns gerne unterstützen und ist immer für Fragen offen.

Dieser Kurztrip hat mich und, wie ich denke, auch die anderen drei Jugendlichen auf vielerlei Weise bereichert. Es war nicht nur informell und kulturell eine super Erfahrung, sondern auch zwischenmenschlich und meinungsbildend. Ich hatte viele interessante Gespräche zwischen den Programmpunkten. Besonders gefallen hat mir, dass jeder den anderen mit Respekt behandelt und man sich mit jeder Meinung auseinandergesetzt hat, egal ob ich jetzt eine 19-jährige Schülerin oder eine renommierte Professorin in Bonn bin. Man hörte mir zu, wie z.B. bei dem Mittagessen mit Frau Büdenbender und Herrn Steinmeier, die konkret nach unseren Meinungen als Vertreter der Jugend fragten. Sie und alle anderen Teilnehmer der Delegation waren super bodenständig, nahbar und interessiert.

Ich bedanke mich hierbei besonders bei dem Protokoll der Reise, dem Bundestag, meiner Austauschorganisation YFU, und dem Bundespräsidialamt, sowie Herrn Steinmeier und Frau Büdenbender für diese einzigartige Erfahrung, die ich so leicht nicht mehr vergessen werde. Es war einfach klasse!

(Charlotte Winkler, Q2)

 

 

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